Zeit für Augenmaß

Früher, als ich noch treuer Leser der Zeit war, schätzte ich es immer sehr, dass Die Zeit zu in der gesellschaftlichen Diskussion befindlichen Themen mehr als nur eine Meinung transportierte. Ich erinnere mich da zum Beispiel dunkel an eine Titelseite, auf der sich links ein Autor für die Rechtsschreibreform aussprach und rechts einer dagegen. Ein gutes Konzept, quasi der Gegenentwurf zu “Ich BILD dir deine Meinung”. Der Leser kann so aus Argumenten der Befürworter und Gegner die für sich überzeugensten heraussuchen und sich selbst eine Meinung bilden. So weit so gut.
Letztens las ich auf zeit.de einen Artikel, der sich gegen Frank-Walter Steinmeiers Plädoyer für gebührenfreie Hochschulen richtete und in dem wohl der Versuch unternommen wurde, eine eher FDP-und CDU-nahe Sicht der Dinge zu vertreten. Dass dabei aber teilweise die Bodenhaftung der Argumentation abhanden kam, schien dem Autor nicht aufzufallen.

Nach einleitenden Worten zu Steinmeiers Plädoyer, das letztendlich nur als Aufhänger dient, leitet der Autor aus der These, Akademiker hätten automatische Vorteile aus ihrem Titel, die Berechtigung von allgemeinen Studiengebühren ab. Zitat:

“Akademiker beanspruchen mehrfache Vorteile: Als Studenten dürfen sie eine verlängerte Jugend genießen, als Berufstätige ein höheres Prestige. Sie verdienen deutlich mehr und werden nur halb so häufig arbeitslos wie Nichtakademiker.”

Das stimmt, wenn man die Dinge etwas vereinfacht. Etwas sehr vereinfacht. Die verlängerte Jugend ist relativ, wenn man pro Semester zwei Dioptrin pro Auge zulegt. Das Prestige von freien Journalisten, die wenig bis gar nichts verdienen, kann nicht von teuren Autos aufgebessert werden, wie es etwa ein zum Meister aufgestiegener Handwerker kann. Und wie sicher der Job des Romanisten ist, der sich nach erfolgloser Jobsuche zum Serveradministrator hat umschulen lassen, sollte nicht überbewertet werden. Wer glaubt, Akademiker würden später alle in gut bezahlten, prestigeträchtigen Berufen landen, hat den Taxifahrer noch nie nach seinem Werdegang gefragt.
Verlässt man sich dagegen auf die bewährte deutsche Ausbildung, ist ein riesiger Vorteil nicht von der Hand zu weisen: Der Auszubildende kann sich über seinen Lohn selbst finanzieren und muss nicht, wie der Student, auf die Unterstüzung von zu Hause hoffen – oder nebenher arbeiten. Oder beides. Die Zusatzbelastung durch die Studiengebühren ist dabei nicht gerade gering.

Abenteuerlich wird der Artikel dann, wenn es um die “Kinder aus einfachen Verhältnissen” geht:

“Auch wenn die Gebühren nur moderat sind – das gesamte Bachelorstudium kostet 3000 Euro – und Bafög-Empfänger vielerorts befreit sind, wirken die Gebühren für einige Abiturienten abschreckend. Doch die Gruppe ist nicht groß. Die meisten Kinder aus einfachen Verhältnissen scheitern bereits in der Schule.”

Wenn das mal nicht purer Zynismus ist. Dann macht es also nichts mehr, wenn die wenigen “Kinder aus einfachen Verhältnissen”, die es mühsam bis zum Abitur schaffen, sich danach noch von Studiengebühren abschrecken lassen müssen?

Der Artikel schließt mit einem Appell:

“Wer die Parole ausgibt: Bildung darf nichts kosten, hat das nicht verstanden.”

Naja. Wer die Parole ausgibt: Deswegen sollten jetzt alle gleichermaßen zur Kasse gebeten werden, hat, fürchte ich, noch weniger verstanden. Ist es fair, wenn der Millionärssohn und jemand, der das Pech hat, knapp über dem Bafög-Satz zu liegen, exakt die gleiche Summe zahlen? Ist es fair, wenn auch der Medizinstudent, dem teure Mikroskope und ähnliche Ausstattung zur Verfügung gestellt werden müssen, und der Geisteswissenschaftler, der durch den engmaschigen Bachelorstundenplan sowieso keine Zeit für zusätzliche Tutorien hat und außer den schon vorhandenen Büchern in der Bibliothek eigentlich nichts weiter braucht, die exakt gleiche Summe zahlen? Ist es fair, wenn ein Gräzist, der sich auf uralte Schriften eines im Allgemeinen eher unbedeutenden Philosophen der Antike spezialisert hat und danach in Ermangelung anderer Karriereleitern in der Gastronomie landet, den gleichen Betrag zahlt, wie der Kernphysiker, der kurz nach seinem Diplom von französischen Energieunternehmen vom Fleck weg gecastet wird?

Es ist ja nicht grundsätzlich falsch, privates Geld in öffentlichen Universitäten zu befürworten. Aber wenn sich diese Forderungen an den tatsächlichen Gegebenheiten orientieren sollen, wenn diese Forderungen tatsächlich unsere Universitäten voranbringen wollen ohne auf soziale Ausgewogenheit zu verzichten, bedarf es Augenmaß. Und genau daran scheint es dem Autor zu mangeln. Es existiert schon ein ähnlicher Artikel aus dem Jahr 2005, der der gleichen Feder entstammt. In ihm ist u.a. folgendes zu lesen:

“Zudem mildert es den Abschreckungseffekt von Studienbeiträgen – auch wenn die jetzt diskutierte Summe von 1000 Euro pro Jahr nicht viel höher ist als eine studentische Handyrechnung in der gleichen Zeit.”

Wie es scheint, geht man ganz einfach von Studenten aus, die der gehobenen Mittel- und Oberschicht entstammen und für die einige der Thesen des Artikels durchaus richtig sein können. Aber so homogen verhält es sich leider nicht mit den Studenten, mit ihren Einkommenssituationen und späteren Jobchancen. Nicht jeder geht so reich ins Studium, dass er sich eine monatliche Handyrechnung von mehr als 80 Euro leisten kann. Und nicht jeder wird danach einen Job finden, mit der er sich einen solchen Luxus gönnen könnte. Student ist nicht gleich Student. Studium ist nicht gleich Studium. Wer das bedenkt, den kann ich in dieser Diskussion ernst nehmen.

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