Als ich aus dem Haus gehe, tröfpelt es etwas und der Himmel sieht verschnupft aus. Nicht gut, denke ich. Am Ende bleiben doch wieder alle zu Hause. Aber das Wetter ist den Schülern und Studenten und ihren Anliegen dann doch wohlgesonnen.
Am Platz der Alten Synagoge ist es schon recht voll und ich bin positiv überrascht, wieviel in Freibrug mobilisiert werden konnte. Dass es am Ende 5000 Menschen werden und damit eine der größten Demonstrationen, die Freiburg je gesehen hat, ist mir zu diesem Zeitpunkt noch nicht klar. Auf der Wiese treffe ich einen Niklas, der wohl irgendwie innerhalb des Freiburger Bildungsstreik-Bündnisses aktiv ist. Ihm ist wichtig, dass man das Motto „Freiburg brennt“, das neben ihm auf einem Banner prangt und auch als Twitter-Hashtag dient, nicht als destruktiv versteht. Die Proteste sollen konstruktiv sein. Deshalb haben sie auch den Rektor im Audimax reden lassen, sagt er.
Als sich der Platz zwischen Stadttheater und Universitätsgebäude immer mehr füllt, werden einige Reden gehalten, u.a. von Uta Adam vom GEW und von Prof. Dr. Günter Rausch von der Evangelischen Fachhoschule Freiburg. Die Redner drücken ihre Unterstützung für den Bildungsstreik aus, teilweise bezieht man sich auf 68. Es wird deutlich, dass hier die Hoffnung keimt, etwas richtig in Bewegung bringen zu können.
Der Zug der Demonstranten setzt sich wenig später in Bewegung. Es gibt einen Stopp vor dem Rektorat, wo Redner vom U-Asta Forderungen formulieren. Dazwischen quetschen sich tanzbare Elektro-Bässe durch die Boxen. „Ihr dürft auch Spaß haben!“, ruft jemand ins Mikro. Außerdem kritisert man, dass die Polizei die Demonstranten filme. Man droht binnen 48 Stunden eine Anti-Repressions-Demo an, sollte das Filmen durch die Polizei nicht aufhören. Ein wenig später erklärt jemand, die Polizei habe nun damit aufgehört. Jubel. Ich frage eine Polizistin, ob sie verstehen kann, dass es für die Demonstranten unangenehm ist, gefilmt zu werden. Sie kann es nicht verstehen. Die Polizisten würden ja auch von den Demonstranten fotografiert werden. Ich sage: Naja, dann landen Sie halt in der privaten Fotosammlung eines Demonstranten. Doch sie schüttelt den Kopf: Wenn man auf Fotos als Polizist identifiziert würde, sei das doch ein gefundenes Fressen. Ich gehe weiter und wundere mich. Ein gefundenes Fressen für wen? Filmen Polizisten eine friedliche, gemeldete Demonstration zum Selbstschutz? Wohl kaum…
Mittlerweile sind wir auf der Kaiser-Joseph-Straße, quasi die Hauptschlagader der Freiburger Innenstadt. Dort frage ich eine Passantin mittleren Alters, ob sie Verständnis für die demonstrierenden Schüler und Studenten habe. „Natürlich!“, antwortet sie. „Aber ich guck’ noch gerade, wogegen die demonstrieren.“ Aha. Einige hundert Meter weiter spreche ich einen älteren Herrn an, frage ihn, ob er die Unzufriedenheit der Demonstranten nachvollziehen kann. Kann er nicht. Ich versuche ihm einige Forderungen des Bildungsstreiks zu erklären, erzähle ihm von der Situation an deutschen Schulen und Universitäten. Er winkt ab. In ein paar Jahren gäbe es eh nur noch ganz wenige junge Menschen. Dann sei das alles kein Problem mehr. Ich versuche es mit Argumenten. Er bleibt skeptisch.
Etwas später spreche ich noch einmal eine Polizistin an, aber auch sie hat kein Verständnis für die streikenden Schüler und Studenten. Ich frage, warum. Antwort: “Das ist meine persönliche Meinung”. Ich: Klar. Aber warum? Ihr Kollege schickt mich weg. Im Demonstrations-Zug treffe ich dann eine pensionierte Lehrerin. Sie unterstützt den Bildungsstreik mit Leib und Seele. Auch ihren Ehemann hat sie mitgebracht. Auf dem Weg nach Hause und später am Abend kreisen einige Gedanken durch meinen Kopf:
Blickt man auf die Zahl von Demonstranten, die in Deutschland, Österreich und anderswo auf die Straße gegangen sind, könnte man von einem großen Erfolg sprechen. Selbst die Politik macht erste zaghafte Versuche, sich der Kritik zu stellen (wenn auch, ohne Verantwortung für die Lage übernehmen zu wollen). Die verständnislose Reaktion der Passanten und der Polizisten, mit denen ich gesprochen hatte, stimmt mich aber nachdenklich. Wenn Menschen, die mit dem Bildungssektor nach der eigenen Schul- und Ausbildungslaufbahn nichts mehr am Hut haben, nicht verstehen, was die demonstrierenden Studenten und Schüler wollen, ist der Erfolg der Proteste in Gefahr. Wenn sie nicht verstehen, dass verbesserte Bedingungen in Schulen und Universitäten nicht nur Schülern und Studenten etwas bringen, sondern letztlich eine Notwendigkeit für die Zukunft der ganzen Gesellschaft ist, wird es am Ende nur eine kleine Bafög-Erhöhung und die eine oder andere eher symbolische als effektive Korrektur geben. Um aber eine tatsächlich wirkungsvolle Bildungspolitik zu erzwingen, ist eine breite Debatte in der Gesellschaft nötig, die sämtliche Generationen und Schichten einschließt. Die Menschen müssen verstehen, dass es um sehr viel geht: um die Zukunft der jungen Generation, um den Zusammenhalt der Gesellschaft und am Ende auch um den Fortbestand der Demokratie. Denn Letztere ist ohne Bildung nicht denkbar.
Soweit mein Fazit zum heutigen Tag. Die schwierigere Frage ist aber wie immer: Wie soll man das anstellen? Wie die Debatte in Gang setzen? Wer Antworten hat, darf sie gerne posten.
Hier noch einige Impressionen der Demonstration: