Teil 1 – Teil 2 – Teil 3 – Teil 4
Der Regen, das Dunkel, das klebrige Laub und das gelblich-weiße Licht der Straßenlaternen, das sich auf dem nassen Asphalt spiegelt, scheinen einem Anspruch gerecht werden zu wollen, den der November an sie stellt. Es ist, als wüssten sie ganz genau, wie ein Novemberabend in einer mitteldeutschen, ehemaligen Bundeshauptstadt auszusehen hat. Raphael, der sich ein wenig an seiner Bierdose festhalten muss, um nicht zu sehr zu lallen, während er Passanten um Kleingeld anbettelt, ist letzte Nacht vierundzwanzig geworden, wovon er aber keinerlei Notiz genommen hat, seit einigen Monaten nämlich hat er beschlossen, dass Daten und Jahreszahlen nichts für ihn sind. Manchmal fragt er nun noch einen seiner Freunde, wenn sie einen klaren Moment haben, ob schon Oktober oder November ist, da das Laub der Bäume sich verfärbt hat oder kalter Wind vom Atlantik über Schweden, Norwegen und Dänemark nach Deutschland hereingebrochen ist und nachts das Schlafen in verwaisten Gründerzeit-Villen kein Vergügen mehr ist. Raphael muss niesen und flucht vor sich hin. Ein Passant macht einen besonders großen Bogen um ihn, aus Angst vor ansteckenden Krankheiten. Der Passant ist Chefarzt und auf dem Weg zu seiner Tochter, die kürzlich zwei Straßen weiter eine Wohnung gemietet hat. Er geht mit eiligen, geschäftigen Schritten weiter, als ginge es von der Intensivstation in die Onkologie, als neben ihm eine Tür ins Schloss fällt.
Es ist Verena, die vom Großeinkauf zurück ist und der Tür mit dem Spann ihres Fußes einen Stoß gegeben hat, sodass sie sich mit ein wenig Lärm schloss und der Chefarzt, Dr. Ultheim, kurz den Kopf in den Hauseingang wandte. Verena stellt den Plastikkorb, dessen Boden und Seitenwände sich unter dem Gewicht ihrer Einkäufe biegen, vor die Wohnungstür und schraubt den Schlüssel im Schloss, bis die Tür aufschwingt und ihr pubertierender Sohn sich abrupt und sichtlich genervt vom Küchentisch erhebt, wo er im Katalog einer kürzlich pleite gegangenen Handelskette im Damenmode-Kapitel herumblätterte. Da er sich weniger für die Herbstkollektion und mehr für die knapp bekleideten Unterwäschemodels interessierte, schlurft er einigermaßen eilig und eine Ausbeulung der Hose verbergend in sein Zimmer. Verena bemerkt ihn kaum, hieft den Plastikkorb auf die Arbeitsplatte der Einbauküche. Genauer: eine offene Wohnküchenlösung eines deutschen Herstellers, für die ihre gesamten Rücklagen draufgegangen sind – aber der Typ aus dem Küchenstudio hatte so ein einnehmendes Lächeln und wenn er sie durch den Präsentationsraum führte, kam sie sich vor wie eine kleine Prinzessin oder gar eine Königin und er erzählte Witze und sie verstanden sich wirklich klasse, das hatte sie auch ihrer besten Freundin auf Facebook erzählt, aber… am Ende ist er nie mit ihr ausgegangen. Sie hängt den viel zu schweren Wintermantel an die Garderobe, der so warm war, dass sie ihn im Supermarkt ausziehen musste, und schließt die Wohnungstür.
Im Hausflur glüht noch einige Sekunden lang der Draht in der Glühbirne, die unter der unverkleideten Styropordecke hängt. Dann erlischt sie mit einem hallenden – Klack – aus dem Stromkasten. Von der Straße her dringen Autoscheinwerfer und Bremslichter durch das Glas der Haustür in den langgezogenen Raum ein und wandern ziellos aber bestimmt an den einsamen Wänden entlang, bis sie ganz plötzlich wieder verschwunden sind. Raphaels etwas schräge Stimme kräht ab und zu so laut, dass sie auch jenseits der Haustür zu hören ist, meistens bricht sie aber schon bei der Hälfte des Satzes enttäuscht ab oder er vernuschelt den Rest, wenn ein unschuldiger Passant ihn ignorierend und das Schritttempo beschleunigend an ihm vorübergezogen ist. Geht man den Flur von Verenas Wohnungstür aus weiter in die Tiefe des Hauses, führt eine etwas enge, steril wirkende Steintreppe an der unauffällig tapezierten Kellertür vorbei und dann ins erste Obergeschoss, wo Achim, ein etwas zu schüchtern wirkender, noch immer alleinstehender Grundschullehrer wohnt, der hin und wieder mit seiner Vorgesetzten schläft, der Rektorin der Adalbert-Stifter-Grund- und Förderschule, mit der er sich aber so oft streitet, meistens wegen der Nachrichten, dass an ein gemeinsames Wohnen oder gar an eine funktionierende Beziehung nicht zu denken ist.
Nach einer weiteren Drehung um sich selbst gelangt die Treppe zu Ms Wohnungstür, an deren rechten Seite ein halb zerstörtes Regal steht, dessen Regalbretter sich langsam aus der Verankerung an den Seitenbrettern lösen, weshalb es stark geneigt an der Wand lehnt, die bis zuletzt die Statik des Regals rettet. Der Inhalt des Regals sind zwei Paar verstaubter Hausschuhe, ein Sack keimender Kartoffeln, ein leeres Netz Zwiebeln und jede Menge Pfandflaschen, die einst Bier oder stärkere Alkoholika beinhalteten. Unter Ms Tür dringt schwaches Licht hindurch. Manchmal ist ein Rascheln von Papier zu hören, manchmal ein Knarzen des Bürostuhls oder ein angestrengtes Husten. Sonst herrscht Stille.
M ist an diesem Tag früh von der Arbeit gekommen, hat sich jedoch nicht in den Feierabend begeben, sondern, wie jeden Tag, nur den auswärtigen gegen den heimischen Bürostuhl getauscht. Etwas später an diesem Abend wird er herausfinden, dass er erneut einzukaufen vergessen hat, weswegen er spät in der Nacht, geplagt von starkem Hunger, wieder bis in die Innenstadt laufen und mit der letzten noch geöffneten Frittenbude wird vorlieb nehmen müssen – und nach seiner Theorie haben nur Imbissbuden derart spät geöffnet, die tagsüber nicht genügend Umsatz machen können und daher das Diktat der nächtlichen Monopolstellung benötigen. Über besoffene Studenten, die aus den Kneipen gestolpert kommen, und Verrückte wie ihn, die über dem Schreibpapier die Zeit und alle physischen Nöte vergessen.
Nach ersten Skizzen, weiträumig angelegten Brainstormings, die er an die Wand pinnte, gespickt mit großformatigen Fotos, begann er vor einigen Wochen mit einer ersten Rohfassung des Manuskripts. Er schrieb schnell und hastig, manchmal nur hielt er sich mit langatmigeren, erzählerischen Ausflügen auf, in denen er über das große Ganze philsophierte, in denen er etwa politische oder ethische Fragestellungen aus dem Stoff der Erzählung herausarbeitete, in denen er tiefgreifenderen, allgemeingültigeren Betrachtungen Raum bot und diese mit Hilfe der psychologischen Tiefenstrukturen der Protoganisten anschaulich zu machen versuchte. Der Stift kratzte eilig über das Papier, das immer knapp zu sein schien, um die nötigsten Geschehnisse, die großen Konflikte zu zeigen, um die Helden das sagen zu lassen, was sie sagen sollten (sich, einander oder dem Leser), um dann schnell und zielgerichtet und fast schon treffsicher zur Aussage, zum Kern der Erzählung, bald schon: des Romans, zu kommen.
Eine wahre Fundgrube war dabei Katharina Hageblums Tagebuch. Sie schien nicht zu fürchten, jemand könnte ihre intimsten Notizen entwenden, sie lesen und mehr über sie herausfinden, als sie wohl irgendwem anvertrauen würde. Es war unter dem Dateinamen „Tagebuch.doc“ unter „c:/Dokumente und Einstellungen/Katharina/Eigene Dateien/Dokumente“ gespeichert – ohne Verschlüsselung oder Passwort. Es begann mit den Worten:
Draußen scheint die Sonne. Und ich bin traurig. Justus ist nicht gekommen. Ich weiß, er mag mich nicht mehr. Ich wollte ihn nur ein letztes Mal sprechen. Damit er es sich überlegt.
Anhand eines späteren Eintrags, in dem sie ihren 16. Geburts erwähnt, konnte M rekonstruieren, dass sie zum Zeitpunkt des ersten Eintrages gerade 15 geworden war. Es geht um Jungs, die sie toll findet, um Loyalität unter Freundinnen und um Verrat, um Verschwörungen gegen unliebsame Klassenkameradinnen, an denen sie beteiligt ist, und um Verschwörungen, die wenig später sie selbst treffen. Es geht um ihren sieben Jahre älteren Bruder, dessen Zuneigung sie sich wünscht, sie aber nur selten bekommt, denn er ist nach einigen Drogendelikten und größeren Auseinandersetzungen mit den Eltern nach Amsterdam emigriert, wo er bei Freunden unterkommt, sich mit Nebenjobs über Wasser hält, Kunst studiert, dann Kulturwissenschaft, dann Ethnologie, dann Soziologie, dann wieder Kunst. Im letzten ihn betreffenden Eintrag geht es um einen Joint, den sie gemeinsam an Heiligabend in einem Coffeeshop direkt am Nieuw Markt rauchen, während er seinen lang und zottelig gewordenen Bart zupft und verträumt von einem neuen Job bei einem Fahrradverleih berichtet und von einigen Bildern, die er hat verkaufen können.
Einige Male erwähnt Katharina ihre Eltern. Mama hat ihr verboten, sich noch einmal mit Justus zu treffen. Oder: Mama und Papa haben sich heftig gestritten, nachdem sie vom Tanzen kamen und Papa seltsam wankte. Papa hat ihr nach einem Klavierkonzert des Musikvereins den Kopf gestreichelt und ihr gesagt, dass er stolz auf sie ist. Mama und Papa gehen öfters nachmittags gemeinsam irgendwohin, Mama verlegt Termine dafür, Papa kommt extra früher von der Arbeit, beide machen dann ein ernstes Gesicht und geben wechselnde, flüchtige, oberflächliche und angestrengt erfundene Anlässe als Erklärung für ihre gemeinsamen, höchst wichtigen Verpflichtungen an. Mit der Zeit nehmen die lauten Diskussionen ab, die sonst oft stattfinden, wenn sie denken, ihre Tochter schliefe schön längst. Manchmal kommen sie von ihren mysteriösen, gemeinsamen Verpflichtungen sogar scherzend und lachend zurück. Irgendwann, einige Monate später, haben sie sogar lauten Sex, bemühen sich kaum mehr, ihn vor der Tochter zu verbergen, immerhin ist sie schon 18, ihre Eltern wissen, dass sie mit ihrem Freund, Justus, Verkehr hat, regelmäßig. Warum sollten sie also penibel darauf achten, dass Katharina nichts davon mitbekommt. Manchmal raucht Papa dann, während Mama duscht, auf dem Balkon im Bademantel eine Zigarette und sieht glücklich aus, selbst im Winter. Katharina ist genervt, wenn das Stöhnen bis ins Wohnzimmer hörbar ist, peinlich berührt ist sie nur, wenn Justus da ist, der dann immer provozierend laut hustet oder absichtlich einen Stuhl anstößt, woraufhin Katharina ihn leiste anfaucht.
M fiktionalisiert all dies, er wandelt Namen ab, verlegt Begebenheiten an andere Orte, er dramatisiert Konflikte und streut das Banale, so lange es ihm als scheinbar beiläufiges Authentizitäts-Beiwerk dient. Eine eher still zerbrochene Freundschaft, die Katharina am Rande erwähnt, wird unter Ms Feder zur gleichgeschlechtlichen Beziehung, die nicht von Dauer ist, da Katharinas Eltern ihre Bisexuallität nicht dulden. Justus, Katharinas erster Freund, den sie in der siebten Klasse hinter der Bühne des Schultheaters zum ersten Mal küsste, der sie bald danach fallen ließ, da Marlen (in Ms Version: Marlen mit den unglaublich kurzen Röcken) Justus schöne Augen machte, Justus, den sie mit 19 während der Studienfahrt nach Paris in einer muffigen Hinterhofkneipe irgendwo im 20. Arrondissement unter den Tisch soff und ihn anschließend, als er aufgehört hatte zu kotzen, in ihrem Bett schlafen ließ, wurde in Ms Erzählung zum launischen Poet, zum Gittarrenakrobat und Lebenskünstler, der Karrierezwang und Notenhysterie entsagte und in Gebäudereinigungen, Malereibetrieben und Großbäckerein jobbte, um abends in Ruhe schreiben zu können und der Katharina zum Geburtstag einen gefällten, mit Schnitzerein versehenen und anschließend dunkel bemalten Baumstamm schenkte und später zu einem Bußgeld verurteilt wurde, da eine Fichte im angrenzenden Stadtpark fehlte und ihn jemand samt Baumstamm bis zur Haustür gehen sah. In Wirklichkeit ist er angehender Bauingenieur und das einzig schöngeistige an ihm ist sein Gitarrenspiel.
Überhaupt: M dient die Wahrheit nur als zu überwindende, zu überflügelnde flüchtige Realität, um zur dauerhaften, zur wirklich wahren Fiktion zu gelangen. Doch er würde rot werden, müsste er das vor jemandem zugeben. Er gibt sich zu gern als Vernunftsmensch, als Atheist und nur dem Diesseitigen verpflichtet. Ungern enthüllt er vor anderen seinen tiefen Glauben an transzendentale Kategorien, die sich für ihn im Wort und in der Fiktionalität verbergen. Die kriminellen und moralisch zu verwerfenden Handlungen, die M begangen hat, sind für ihn so gesehen nichts als Gottesdienst.
An diesem Abend stellt M fest, dass er schon weit gekommen ist, dass er tief nach Katharinas Charakter hat graben können, dass er sich nun an den eigentlichen Konflikt machen kann, der die Handlung im Hauptteil des geplanten Romans vorantreiben würde: Katharinas Bruder, Jonathan, wird von den niederländischen Behörden gezwungen, sich in einer geschlossenen Entzugsklinik einweisen zu lassen, um dem Gefängnis entgehen zu können und nach dem Entzug Aussicht auf die Umwandlung der dreijährigen Haftstrafe in eine Bewährungsstrafe zu haben. Irgendwie ist er in einen Überfall verwickelt worden, in dessen Verlauf ein aus Indien stammender Vater dreier Kinder ums Leben kam. Jonathan hatte letztendlich mit dem Tötungsdelikt nichts zu tun, sein Kumpel, den er seit zwei durchzechten Nächten kannte, war ausgerastet, als sein Opfer ihm das Geld nicht schnell genug über die Theke der Hotelrezeption reichte. Der Richter hielt Jonathan zu gute, dass er nicht wie sein Komplize floh, sondern das Opfer zu reanimieren versuchte.
Als Katharina von all dem erfährt, nimmt sie den nächsten Zug nach Amsterdam, wo sie ihren Bruder bleich, mit geröteten Augen und apathisch wegen des Methadons vorfindet. Sie versucht so oft es geht, bei ihm zu sein. Der Therapeut bestätigt ihr, dass ihre Anwesenheit ihrem Bruder im Resozialisierungsprozess helfen könne. Justus indes entwickelt eine aggressive Ablehnung gegenüber dem Bruder, führt ihr immer wieder vor Augen, dass sein verkommener Lebensstil daran Schuld sei, dass drei Kinder ohne Vater aufwachsen. Als Katharina kurz vor einer neuerlich anstehenden Abreise nach Amsterdam ihren Bruder verteidigen und die Begrenztheit seiner individuellen Schuld begründen will, flüchtet Justus ins Prinzipielle, ins Abstrakte in das „wie die Dinge eben wirklich laufen“. Ein großer, emotionaler Streit entbrennt und Katharina erkennt zu spät, dass Justus eifersüchtig ist, dass er verletzt ist und sich nach ihrer Liebe sehnt, dass er in ihrer Sorge um ihren Bruder zu kurz gekommen ist. Sie wird gewahr, dass es an und für sich seit Monaten kein Beziehungsleben mehr gibt. Doch zu einem klärenden Gespräch kommt es nicht, denn als sie aus Amsterdam zurückkehrt, ist Justus fort.
M hat diesen Höhepunkt des Romans schon in vielen, schnell sequenzierten Szenen im Kopf, auch wenn all das eigentlich nur auf einer seltsam hitzig geführten Debatte zwischen Justus und Jonathan an einem Ostersonntag basiert, die Katharina Hageblum eher beiläufig in ihrem Tagebuch erwähnt. Als er, wie jeden Abend, Katharinas E-Mails abruft, springt ihm der Betreff eines E-Mail sofort ins Auge. Und er weiß, dass er nichts Gutes verheißt.