Bisher hat die Diskussion um die Zukunft des Journalismus vorallem für Spannungen im Verhältnis zwischen traditionellem Print-Journalismus, seinen Online-Ablegern und der Blogosphäre gesorgt. Da gab es erst eine Hamburger Erklärung seitens führender Verlagshäuser, die einigermaßen schwammig war und irgendwie danach klang, als beraube das Internet den Journalisten seiner Rechte und mache deshalb härtere gesetzliche Maßnahmen notwendig. Die Schwammigkeit der Erklärung wurde damals unter anderem von Stefan Niggemeier deutlich dargestellt. Fünfzehn bloggende Journalisten, Netzpolitiker und Medienschaffende antworteten daraufhin mit dem berühmten Internet-Manifest, welches das Zerrbild vom Internet zurecht rücken sollte. Das Manifest blieb aber auch in der Blogosphäre bei weitem nicht unumstritten. Nach einiger Zeit folgte eine etwas wirre Replik auf das Internet-Manifest seitens der WAZ-Mediengruppe, die dann natürlich auch wieder von einigen Internet-Manifest-Verfassern kritisch kommentiert wurde. Und so weiter und so fort.
Was bisher geschah…
Inzwischen haben einige Verlagshäuser angekündigt, vermehrt auf Paid Content setzen zu wollen. Außerdem visiert Schwarz-Gelb irgendeine Form von Leistungsschutzrecht an, ohne dass bisher wirklich klar ist, wie das aussehen oder umgesetzt werden soll. Thomas Knüwer hat auf seinem (lesenswerten) Blog Indiskretion Ehrensache schon darauf hingewiesen, dass eine Kombination aus beiden Konzepten mehr als problematisch werden könnte – und zwar für die Verlagshäuser selbst. Während Knüwer von einer Zwangsabgabe auf Computer oder auf ein Model ähnlich der GEMA ausgeht, spekulieren andere über eine Erweiterung des Urheberrechts, was dann sehr bald unheimlich werden könnte.
Zur Erinnerung: Das Urheberrecht hat durchaus die berechtigte Funktion, die schöpferischen Leistungen Einzelner zu schützen. Trotzdem sind seit seinem Bestehen Schranken des Urheberrechts vorgesehen, da dieses mit anderen, die Allgemeinheit betreffenden Interessen abgewogen werden muss. Werden diese Schranken abgebaut, könnte das unangenehme Folgen für die Informationsfreiheit des Einzelnen haben.
Die Aufteilung des Kuchens
Man muss wahrscheinlich nicht mehr darauf hinweisen, dass es hier offensichtlich um einen Verteilungskampf geht. Auf der einen Seite bangen Verleger und Verbände um Auflage und Beschäftigung, auf der anderen Seite möchten sich Blogger nicht länger als „Internet-Anarchos“ diffamiert sehen. Und wahrscheinlich schielen beide Seiten gleichermaßen auf den Anzeigen-Kuchen. Ich möchte hier nicht so tun, als hätte ich ein Patentrezept, um diesen Konflikt mal eben in einem Posting zu lösen. Ich werde hier einfach einige Gedanken niederschreiben, die mir im Kopf umherkreisen, wenn ich an den Journalismus der Zukunft denke:
Wann immer ein neues Medium geboren wird, verändert sich Rolle, Funktion und Verbreitung der anderen Medien. Als die Fernseher in die Wohnzimmer der Menschen drängten, standen die riesigen Radio-Apparate erst einmal traurig herum. Immerhin hatten sie mit ihren langen Monologen und einer starren Programmstruktur der spannenden, neuen Flimmerkiste wenig entgegenzusetzen. Als aber das Transistorradio aufkam, änderte sich die Situation. Während der Fernseher weiterhin an das Wohnzimmer gefesselt war und die Familie vor allem abends vor der Mattscheibe zum kollektiven Konsum versammelte, wurde das Radio zum kleinen, persönlichen Gebrauchsgegenstand, das man überall hin mitnehmen konnte. Die neuen, viel kleineren Radio-Apparate konnten die Hörer in jeden Winkel ihres Lebens begleiten. Die Moderatoren sprachen nicht mehr zu einer versammelten Hörerschaft, wie es sie früher gegeben hatte, denn diese Rolle hatte nun das Fernsehen eingenommen. Stattdessen flüsterten sie dem Individuum ins Ohr und – das ist wahrscheinlich die wichtigste Entwicklung – man entwickelte ein neuartiges, loses, in andauernder Wiederholung befindliches Programmgefüge, sodass es völlig egal war, wann man einschaltete, es gab immer etwas zu hören und binnen maximal 55 Minuten würden die nächsten Nachrichten kommen.
Die Medienlandschaft ist ein Ökosystem
Auch das Kino musste angesichts der heimischen Mattscheibe aufrüsten. Wenn ich mich recht entsinne (ich habe leider die entsprechende Fachliteratur verlegt, sonst könnte ich noch eben nachschlagen), zog auch deshalb Farbe und ein verbessertes Klangerlebnis in die Kinosäle ein.
Ergo: Soll ein erbitterter Kampf mit vielen Toten und wenigen Siegern im komplexen Medien-Ökosystem vermieden werden, weichen die Kontrahenten idealerweise auf unterschiedliche Terrains aus, um sich nicht länger gegenseitig das Wasser abzugraben. Die Beteiligten bemühen sich stattdessen, das an sich selbst herauszustellen, was ihnen eigen ist, was ihr Alleinstellungsmerkmal darstellt, was sie von anderen abheben kann und woraus sie ein neues, innovaties Potential ziehen können.
Übertragen auf die Konkurrenzsituation von Internet und Print könnte man folgendes sagen: Das Internet ist schnell, vernetzt und multimedial, ideal also, um mit hoher Geschwindigkeit Nachrichten zu übertragen und zwar in Text, Bild, Video und Ton. Online-Medien haben dabei sogar bessere Bedingungen als Funk und Fernsehen, denn Radio und TV müssen dem Hörer den Rhythmus der Sendungen aufzwingen, während im Internet immer alles genau dann abrufbar ist, wenn es der Nutzer gerade brauchen kann. Außerdem eignet sich das Netz hervoragend zur Recherche, da Datenbanken einfach fixer als Zettelkästen sind.
Eine ausgiebige Lektüre oder das gemütliche mehrstündige Konsumieren von Videos und Ton sind aber de facto nicht das Gebiet, für welches das Internet, bzw. die angeschlossenen Anzeigegeräte geeignet sind. Vor dem Fernseher kann ich stundenlang im Sofa lümmeln und mir das Heute-Journal, dann eine Reportage, dann das Heute-Magazin, dann Frontal-21 reinziehen. Ohne Probleme. Vor dem Computer ist das eher anstrengend. Den gedruckten Politikteil einer Wochenzeitung, zum Beispiel den der Zeit, kann ich entspannt in der Bahn vor mir ausbreiten und einen Artikel nach dem anderen lesen, ich kann in ihnen herum malen, wenn ich das will, ich kann die Zeitung in die Manteltasche stecken und später, in der Mittagspause oder auf dem Weg nach Hause, weiterlesen, egal wo ich gerade bin. Wenn ich aber auf zeit.de längere (!) Artikel lese, schmerzt spätestens nach eineinhalb Texten die Sitzhaltung.
Jedes Medium hat Stärken und Schwächen
Auch ein Netbook ist nicht überall derart einsatzbereit, dass man bequem längere Texte lesen könnte. Natürlich könnte man sagen, Anzeigegeräte der Zukunft könnten irgendwann genauso komfortabel wie eine Zeitung aus Papier werden. Daran glaube ich aber nicht. Nichts ist so bequem wie eine der Vergänglichkeit geweihten Papierzeitung, die ich im Verlauf der Lektüre durch Knicken und Falten und unsachgemäßen Gebrauch zerstören kann, da ich sie nach dem letzten Artikel so oder so in den nächsten Mülleimer werfe.
Der Print hat aber leider das Manko, Neuigkeiten nicht permanent und mit hoher Geschwindigkeit liefern zu können. Nach Redaktionsschluss ist eben schluss und was gedruckt ist, steht statisch schwarz auf weiß – bis zur nächsten Ausgabe. Stellt sich zehn Minuten nach Redaktionsschluss eine vermeintliche Tatsache, auf welcher der gesamte Tenor eines langen Hintergrundberichtes basierte, als falsch heraus, steht das Blatt dumm da, während Radio, Fernsehen und das Netz zutreffender berichten und kommentieren.
Wohin?
Eine vielleicht utopische aber wünschenswerte Entwicklung wäre also, dass sich Online-Medien (sowohl große News-Portale als auch Blogs) und Print-Medien in naher Zukunft reibungslos und komplementär ergänzen. Nachrichten-Portale könnten ihren Schwerpunkt in schnellen Meldungen, kurzen Kommentaren, ergänzenden multimedialen Inhalten und Unterhaltung bilden. Blogs dagegen haben schon jetzt mancherorts eine wertvolle Position im Medien-Ökosystem der Zukunft eingenommen, zum Beispiel dann, wenn sie den großen Verlagshäusern auf die Zehen treten, um ihnen zu zeigen, wo sie journalistische Standards verletzen (und an dieser Stelle muss ich auf Stefan Niggemeier verlinken). Außerdem können sie sich weitaus spezifischer ausrichten und sehr innovative Berichterstattung liefern, wie es zum Beispiel die Netbooknews tun. Der Print dagegen könnte sich gänzlich auf ausführlichen, analytischen, kommentierenden, guten, teuren und daher wertvollen Journalismus verlegen, bei dem nachgefragt wird, bei dem gut recherchiert wird, bei dem man das tägliche und flüchtige Geschehen ins große Ganze einordnet, Orientierung bietet und Raum für Meinungen bleibt. Ob die einzelnen Titel dann noch täglich erscheinen könnten oder müssten, ist eine andere Frage. Ich bin aber überzeugt, dass mit einem intelligenten Marketing, guten Angeboten für Studenten und sozial Schwache und einer klaren Positionierung im Sinne der demokratischen Kontrollfunktion des Journalismus ausreichend Gewinn erwirtschaftet werden könnte. Arbeitsplätze würden an der ein oder anderen Stelle sicher gefährdet werden – in meiner frohen Utopie würden sich aber dafür andernorts, eben gerade online, neue Jobs ergeben. Und das alles wäre dann auch noch ein Dienst an der Gesellschaft, denn solche Szenen, wie bei der vergangenen Bundespressekonferenz, bei der die neue Koalition in Kameras lächeln und winken durfte, aber für kritische Fragen offenbar eher wenig Raum war, dürfen sich nicht wiederholen. Letztlich gilt es nämlich vor allem ein Geschäftsmodell in die Zukunft zu retten: den Qualitätsjournalismus.
[Ich will an dieser Stelle nicht verschweigen, dass manches von dem, was ich hier schreibe, für stark regional verankerte Zeitungen nur bedingt gilt und ich vermute, dass dort auch anders geartete Modelle Erfolg haben könnten.]
An dieser Stelle möchte ich noch ein wirklich sehr interessantes Interview mit dem Chef von zeit.de empfehlen, das er der Zeitschrift Horizont gegeben hat. Hierentlang.