Die Bahn kommt (zu spät)

Die Bahn kommt (zu spät)

Die Bahn kommt (zu spät)

Ich habe wenig Zeit. Gleich werde ich das Ticket lösen müssen und auf den Bahnsteig eilen. Vor mir am Info-Schalter der Deutschen Bahn eine Frau, die über dem meterlangen Formular verzweifelt, das ihr gegeben wurde, um eine Entschädigung für die Verspätung ihres Zuges zu erhalten. Zwei Männer in Uniform geben ihr über den Schalter hinweg Ratschläge, wie denn nun die Entschädigung zu bekommen sei. Das Wenige, was die ältere Dame zu wissen bräuchte, wäre schnell erklärt, die Herren sind aber geschickt, verschiedene Vorgehensweisen im Wechsel derart unzusammenhängend zu erklären, dass das Haar der Dame zunehmend ergraut. Hinter mir eine lange Schlange. Verwunderlich, dass die Herren diese Erklärung nur zu zweit (nicht) bewältigen können. Dann bin ich an der Reihe. Fast habe ich keine Zeit mehr. Ich sage ihm, ich müsse wissen, ob ich den Intercity Nummer Sowieso noch nehmen könne, da er ja schon zehn Minuten Verspätung habe und ich am Bohnhof in Sowieso nur fünfzehn Minuten Zeit hätte, um zum nächsten Zug zu gelangen. „Dann schau mer mal“, sagt der Mann. Er zupft seinen Bart und klickt gemütlich im PC herum. Er abstrahiert 36 Minus 21 laut vor sich hin, um mit mir übereinstimmend zu dem Schluss zu kommen, dass ich tatsächlich nur 15 Minuten Aufenthalt hätte. Er sagt, naja, bei 10 Minuten Verspätung könnte das schon knapp werden. Ich sage: „Alles klar, dann wissen Sie also auch nicht mehr als ich.“, und will schnell zum Automaten, um mir trotzdem das Ticket zu holen. Er stellt sich mir in den Weg: „Moment, junger Mann, ich kann ihnen doch alternative Verbindungen heraussuchen!“ Ich sage: „Die sehe ich am Automaten doch auch!“ Der Mann gibt nicht auf. Er könne doch mein Ticket auf einen anderen Zug umschreiben! Ich: „Aber ich habe doch noch kein Ticket!“ Da schnauft der Mann. „Ja dann!“ Er lässt seine Arme seitlich gegen den Rumpf klatschen. „Ja dann!“ Ich hole das Ticket und eile aufs Gleis. Die zehn Minuten sind zu fünfzehn Minuten geworden. Dann sind es fünfundzwanzig. Dann doch wieder fünfzehn. Irgendwann kommt endlich der Zug.

Soldaten scheinen ähnliche Reisegewohntheiten wie ich zu haben. Sonntagabend bevölkern sie das Großabteil im Intercity und quatschen über die Vorzüge verschiedener Tuningmöglichkeiten der heimischen Spielkonsole. Teilweise sitzen sie in Uniform da, manchmal erkennt man sie nur am Seesack oder an den Stiefeln, die an der Reisetasche baumeln. Als einer von ihnen, ein stämmiger, etwas untersetzter Kamerad, sich vor mir streckt, um eine Computerzeitschrift aus seiner Tasche auf der Gepäckablage über mir zu holen, rieche ich das, was mich an Umkleideräume von Fußballvereinen und ähnlichen Orten erinnert, wo (hauptsächlich) Männer zusammen kommen, schwitzen, Dinge tun, auf die sie dann stolz sind, und sich gegenseitig auf die Schulter klopfen.

Die blecherne Stimme aus dem Lautsprecher verkündet, dass mein Anschlusszug nicht erreicht werden kann. Fahrgäste, die an einen Ort wollen, von dem ich noch nie gehört habe, sollten aber im Zug sitzen bleiben, da an der nächsten Haltestelle die Regionalbahn eventuell eingeholt werden könne. Das heißt im Slang der Bahnbediensteten: „Es wird angestrebt, die Regionalbahn Nummer Sowieso dort noch einzuholen.“ Einige im Abteil lachen kurz auf.

Mit einiger Routine hole ich mir am Umstiegsbahnhof das Formular, um die Entschädigung für die Verspätung einfordern zu können. So oder so ist es doch unverschämt, ein ellenlanges Formular ausfüllen zu müssen, wenn einem schon durch verspätete Züge alle möglichen Unannehmlichkeiten entstanden sind. Die junge Frau am Info-Schalter empfiehlt, ich könne es ja einschicken, versehen mit meinen persönlichen Daten. Klar. Wie die Bahn mit persönlichen Daten umgeht, wissen wir ja. Um an die Entschädigung zu gelangen, werde ich also am darauffolgenden Tag nach Feierabend noch lange in der Schlange vor dem Service-Schalter stehen – ohne personenbezogene Daten im Formular. Beim letzten Mal war ich noch sehr verärgert über diese gedoppelte Bürokratie-Odyssee, die einem aufgezwungen wird, nur um an das zu kommen, was einem rechtlich zusteht – anstatt durch ein standardisiertes Verfahren schnell die Verspätung zu bestätigen und die Entschädigung einfach direkt am Info-Schalter auszuzahlen. Aber gut, die Frau hinter dem Info-Schalter kann nichts dafür. Ich frage sie, warum der Zug schon wieder zu spät ist, ob es dort eine Baustelle gebe, oder ähnliches. Erst letzte Woche war ich auf der gleichen Strecke mit der gleichen Verbindunge gefahren und wurde durch identische Verspätungsangaben dazu verführt, trotzdem diese Verbindung zu nehmen, um dann festzustellen, dass die Verspätung im Verlauf der Reise massiv zunehmen würde und zu exakt der Verspätung wurde, wie heute. Die junge Frau verneint. Heute habe es einen Gleisbruch in Sowieso gegeben. Die letzten Male sei das aus anderen Gründen gewesen. „Die letzten Male?“, frage ich. „Kommt der öfters zu spät?“ Die Frau ist sichtlich gequält, als sie mir antwortet, dass der Intercity um diese Uhrzeit auf dieser Strecke sehr sehr oft zu spät sei, es seien nur jedes Mal andere Dinge dafür verantwortlich. “Der Zug hat also wechselnde Beschwerden”, stelle ich fest. Ich möchte sie fragen, warum man dann nicht einfach den Fahrplan entsprechend anpasst, werde mir aber klar, dass es nichts nützen würde, sie mit diesen Fragen zu belästigen. Sie ist letztendlich ebenfalls Opfer dieser Struktur, muss mit all den menschlichen Emotionen von Verspätungsopfern leben.

Auf dem Weg nach Hause denke ich: Wäre es nicht erstrebenswert, zwischen dem weiß-roten ICE der Deutschen Bahn und dem eines anderen Anbieters wählen zu können, etwa so, wie man zwischen verschiedenen Tankstellen, Bäckereien und Blumenläden wählen kann? Das Unternehmen, das die besseren Preise und/oder den besseren Service böte, bekäme dann mein Geld. Und das würde der Allgemeinheit in Form von Preissenkungen und höherer Effizienz dienen. Ähnliches haben auch schon Menschen geschrieben, die etwas davon verstehen sollten. Ich bin kein uneingeschränkter Fürsprecher der Privatisierung staatlichen Eigentums. Wenn man aber schon einen staatlichen Betrieb privatisiert, dann doch bitte auch so, dass ein entsprechender Impuls zu niedrigen Preisen und hoher Effizienz durch angemessen starke Konkurrenz auf dem Markt möglich ist. Dass davon im Personenfernverkehr wenig zu spüren ist – und wohl auch in Zukunft zu spüren sein wird, sollte schon Stirnrunzeln verursachen.

Eine provisorische Lösung scheint man aber gefunden zu haben: Der Entschädigungsanspruch bei Verspätungen über eine Stunde wirkt nämlich, wenn man es genau bedenkt, wie ein alternatives Preissystem. Ist die Bahn, wie so oft, verspätet, gilt quasi ein verbilligter Tarif (der gezahlte Fahrpeis abzüglich 25% Entschädigung bei einer Stunde Verspätung). Kommt die Bahn pünktlich, bekommt das Unternehmen den vollen Fahrpeis – und damit sozusagen eine Erfolgsprämie. So ist das also! Auf diese Weise versucht der Gesetzgeber wohl in Ermangelung eines starken Wettbewerbs auf deutschen Schienen Preissenkungen durchzusetzen und zu mehr Pünktlichkeit im Bahnbetrieb zu motivieren. Das wäre zumindest meine Interpretation der Fahrgastrechte.

This entry was posted in Fast Alltägliches, Fotographie, Unterwegs and tagged , , , . Bookmark the permalink.

Leave a Reply

Your email address will not be published. Required fields are marked *

*

You may use these HTML tags and attributes: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>

Durch das Abgeben eines Kommentars erklären Sie sich damit einverstanden, dass der angegebene Name und der Kommentar gespeichert und auf dieser Seite veröffentlicht werden. Sie erklären sich außerdem damit einverstanden, das Ihre E-Mail-Adresse und IP-Adresse im Zusammenhang mit Ihrem Kommentar gespeichert werden - natürlich werden diese Angaben NICHT veröffentlicht und NICHT weitergegeben. Weitere Informationen finden Sie im Impressum.