Der Sommer.

Der Sommer.

Der Sommer.

Das also ist der Sommer. 37 Grad, wenn man das Glück hat, Schatten gefunden zu haben. Am besten, man geht gar nicht erst vor die Tür, reißt alle Fenster der Wohnung auf und verabschiedet sich vom zivilisatorischen Gebot der Kleidung – zumindest bis auf die Unterhose. Wenn dann noch Astrud Gilberto aus der Anlage kommt, ist der Tag gerettet. Das also ist der Sommer.
Wenn man sich doch in die Sonne hinauswagt, gibt es wahrscheinlich keinen besseren Ort, den florentiner Juli zu überleben, als das kleine Freiluft-Cafè am Arno direkt unterhalb von Piazzale Michelangelo. Zwischen hohen Platanen gurren ganze Taubenvölker, ein besonnenbrillter Abiturient gießt die trockene Erde, damit sie vom frischen Wind, der einem von Pisa her über den Arno ins Gesicht weht, nicht die Erde zwischen den Platanenwurzeln in die Augen treibt. Auch hier säuselt oft und gerne Astrud aus den Boxen, wenn nicht gerade mal wieder aus popkulturemotionalen Gründen Michael Jackson in die Playlist moonwalkt. Aber das beste, das wirklich beste ist der eiskalte Weißwein, der Lebensgeister weckt, von denen man gar nicht wusste, dass es sie gibt. Und dann das Grün, das einen umgibt – und Florenz hat nicht viel Grün. Oder der Blick auf das Nordufer über den Kirchturm von Santa Croce, die Türme der Nationalbibliothek, dieser komische Minisäulenbau auf dem Dach der Uffizien, von dem ich nie ganz verstanden habe, welche Funktion er hat oder hatte, bis zu Ponte Vecchio und ein paar Kirchturmzipfel von Firenze Sud, deren zugehörige Kirchennamen ich gerade nicht zuordnen kann.

Der afrikanische Armband-FlipFlop-Socken-Krimskrams-Verkäufer sagt „Amico!“ und zeigt mir stolz die Armbänder, die seinen ganzen linken Arm bedecken, die Sandalen, die er zwischen linkem Arm und Brust geklemmt hat, die Sockenpackungen, die er in der rechten hält. Ich sage, nein danke, und er lächelt mich an und geht weiter. Alles ist entspannt hier. Normalerweise hätte er mich sicherlich weiter bearbeitet. Er muss das tun. Ich weiß, ich sollte nicht schreiben, afrikanischer Verkäufer. Ich wäre ja auch ungehalten, wenn ein Taiwanese mich nur Europäer nennen würde, weil er irgendwie keine Ahnung hat, woher genau ich jetzt komme oder ob Deutschland wirklich in Europa liegt. Nur so als Beispiel. Aber ich weiß wirklich beim besten Willen nicht, aus welchem der afrikanischen Staaten er genau kommt. Und wenn ich ihn gefragt hätte, hätte ich Socken kaufen müssen. Und ich brauche keine Socken. Auch keine FlipFlops. Überhaupt ist es unglaublich, dass dieses Heer von Armband-FlipFlop-Socken-Krimskrams-Verkäufern ihre Ware an den Mann/die Frau bringen. Florentiner müssen eine hohe Sockenverschleißquote aufweisen. Ganz sicher. Jemand schenkt dem nigerianischen/kongolesischen/gabunischen/… Verkäufer eine Flasche Wasser.
An einem Nachbartisch poltert eine Gruppe Touristen. Ich kann ihre Sprache nicht einordnen, habe keine Ahnung, woher sie kommen könnten. Aber sie haben einen riesen Spaß und einen ebenso großen Sonnenbrand. Einer von ihnen hat sich schlauerweise gleich das T-Shirt ausgezogen und in den Hosenbund gesteckt und die vormals wohl sehr weiße Haut ist so knallrot, dass sich jeder Hautarzt die Haare raufen könnte. Das kümmert sie aber nicht. Sie bestellen ein bekanntes koffeinhaltiges Erfrischungsgetränk. Immerhin ein Wort, das ich verstanden habe.

Später: Die wenigen Meter bis zur Bushaltestelle. Ich komme mir vor wie der verdurstende englische Forscher, der vor Abreise in die Sahara an seinem Jeep einen Ölwechsel zu wenig vorgenommen hat. Die Hitze kommt von oben und unten, der Asphalt will die Hitze nicht mehr aufnehmen und strahlt sie einfach zurück. Die Abgase kommen mir viel stickiger und giftiger als sonst vor und ich schwitze wie Käse in Cellophanfolie. Zwei Busse mit falscher Nummer auf der Front halten und fahren weiter, wobei jedes Mal die von ihrer Klimaanlage herausgepustete heiße Luft mir ins Gesicht bläst. Dann der Bus mit der richtigen Nummer. Wenn die Busse gerade von der Endhaltestelle kommen, sind die Fenster noch geschlossen und die Klimaanlage kann das tun, wozu Gott der Ingenieur sie geschaffen hat. Es ist so kalt, dass ich friere. Mit mir steigt eine ältere Dame ein. Auch sie friert. Und öffnet ein Fenster. Wie absurd. Ein blasser Amerikaner in Poloshirt tut es ihr gleich. Irgendwann erreichen wir, die Businsassen, den Punkt, an dem so viele Menschen Fenster aufgerissen haben, da die Klimaanlage ihnen zu kalt war, dass der erste Mensch ein Fenster aufreißt, da er glaubte, es sei gar keine Klimaanlage vorhanden und er müsse sich durch den Fahrtwind kühlen. Als ich aussteige, ist jedes der Schiebefenster weit geöffnet und die Klimaanlage ist sicher schon seit ein paar Haltestellen in einer tiefen Sinnkrise.
Als ich mich zu Hause durch die deutsche Medienlandschaft klicke, frage ich mich, ob alles von Sommerloch schreibt, um das Sommerloch zu füllen. Warten auf September.

Das also ist der Sommer.

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