Es ist heiß. Wahnsinnig heiß. Wer Glück hat, konnte Büro oder Hörsal längst entkommen, packt bereits Urlaubskoffer oder gibt gerade die letzte Klausur vor den Semesterferien ab. Wer Pech hat, dämmert bei über 30 Grad am Schreibtisch vor sich hin. Wenn man sich nicht schon eine fiese Erkältung von der Klima-Anlage geholt hat, die der übergewichtige, beinahe herzkaspernde Kollege nebenan immer auf sibirische Temperaturen dreht.
Wer kann, schlappt in Flip-Flops zum nächsten verfügbaren fließenden oder stehenden Gewässer, wo einige wenige Hautkrebtskandidaten in der prallen Sonne wie Bratwürste vor sich hin garen, während der Rest der Badegäste sich in den Schatten von Bäumen und Büschen geschleppt hat. Nach einem ersten Gang ins Wasser setzen ein oder zwei Hirnfunktionen wieder ein und durch den Duft von Grillanzündern hindurch, der am Ufer entlangwabert, entwickeln sich mancherorts sogar nicht gänzlich sinnentleerte Gespräche. Über Grillgut und Grillgutpreise. Über Erfrischungsgetränke. Über aktuelle Temperaturen und Wetterprognosen. Und natürlich: Über die eben beendete Fußballweltmeisterschaft in Südafrika.
Nur beschwerlich guckt hie und da ein einsamer Badegast in eine Tages- oder Wochenzeitung. Die Sonnencreme verklebt Finger mit Druckerschwärze und Papier, die Hitze verkohlt die letzte, verbleibende Konzentration und am Ende liest man doch nur „aus aller Welt“ oder „Panorama“ oder wie die Seite mit den knackigen Belanglosigkeiten auch heißen mag – anstatt des ohnehin mageren Politikteils. Und wer beachtete eigentlich in den vergangenen Wochen die Kurz-Ausgaben der Tagesthemen oder des Heute-Journals, die sich in die Halbzeitpausen der WM-Spiele zwängten? Ganz egal, wie brisant die Meldungen und Beiträge auch sein mochten, ganz egal, wie bedeutsam Marietta Slomka oder Tom Buhrow auch in die Kamera blickte, in jenem Moment ging Fußball-Deutschland geschlossen aufs Klo, holte Bier aus dem Kühlschrank oder drehte die Würstchen auf dem Grill, während stets irgendwer den Fernseher auf lautlos stellte und zu fachsimpeln begann, ob der Schiedsrichter nun berechtigterweise das passive Abseits abgepfiffen hatte oder nicht.
Beschauliche Sommerstimmung im Verbund mit Zauberfußball einer meist unverkrampften DFB-Elf. Ein überaus brisantes Szenario, wären Merkel, Seehofer und Westerwelle tatsächlich Vorsitzende einer Wunschkoalition, Vorkämpfer für eine gemeinsame Vision oder zumindest für einen überlebensfähigen politischen Kompromiss – und nicht Regierungsmehrheit und Opposition in Personalunion. Wäre die selbsternannte Wildsau-Gurkentruppe wirklich jenes ominöse monolithische „bürgerliche Lager“, von dem man so lange schwadroniert hatte, es hätte im bundesdeutschen Fußballtaumel alle Register gezogen und die Situation gnadenlos ausgenutzt. Kaum einer hätte es bemerkt und wenn, wäre er spätestens nach dem formidablen 4:1 gegen England nicht mehr aus dem Sofa gekommen, um sich zu echauffieren. Erst jetzt, nach der WM, hätten die Bürger sich die Augen gerieben. Denn Schwarzgelb hätte den Ausstieg aus dem Atomausstieg festgezurrt, das paritätische Gesundheitssystem zugunsten der unsozialen Kopfpauschale aus den Angeln gehebelt, die Wehrpflicht abgeschafft oder noch einmal verkürzt oder verlängert oder verdoppelt. Man hätte vielleicht sogar das berühmte „niedrigere, einfachere und gerechtere Steuersystem“ diskutiert, wenn auch nur um festzustellen, dass es zwar nicht niedriger aber zumindest einfacher ginge – und gerechter eben nur insofern, als dass die FDP-Klientel sich freuen dürfte.
Gut. Sie haben uns einen Bundespräsidenten aufgehalst, der „Vaterland“ sagt, ohne rot zu werden. Sie haben eine „Gesundheitsreform“ zusammengeschwurbelt, die eigentlich nur eine Beitragserhöhung ist. Sie haben ein sinnfreies und unsoziales Stipendienprogramm durch den Bundesrat geprügelt und sich gleichzeitig eine ohnehin mickrige Bafög-Erhöhung dankend von den Länder-Delegierten zerlegen lassen. Und sie üben sich in Taschenspielertricks, indem sie Hartz-IV-Empfängern das Elterngeld streichen, dadurch 400 Milionen Euro einsparen, nur um dann dem Urteil des Bundesverfassungsgerichts zu entsprechen und 480 Milionen Euro für Kinder von Hartz-IV-Familien einzuplanen.
Und doch, jetzt wo Fußballweltmeisterschaft und Politik sich gleichermaßen ins Sommerloch verabschiedet haben, kratzt man sich verwundert am Kopf und fragt sich: Das war schon alles? Eigentlich ist es weder meine Art noch meine Aufgabe, aber man kann die Noch-Bundesregierung nur loben: Sie hat weniger Schaden angerichtet, als sie sich vorgenommen hatte und als sie, rein rechnerisch, hätte umsetzen können. Trotz der hervorragenden Ablenkung der Öffentlichkeit durch die WM. Dafür, liebe Bundesregierung, vielen Dank.
