Kleiner WM-Hitzeschaden

July 13th, 2010

Nach der WM...

...und die Fans gehen nach Hause...

Es ist heiß. Wahnsinnig heiß. Wer Glück hat, konnte Büro oder Hörsal längst entkommen, packt bereits Urlaubskoffer oder gibt gerade die letzte Klausur vor den Semesterferien ab. Wer Pech hat, dämmert bei über 30 Grad am Schreibtisch vor sich hin. Wenn man sich nicht schon eine fiese Erkältung von der Klima-Anlage geholt hat, die der übergewichtige, beinahe herzkaspernde Kollege nebenan immer auf sibirische Temperaturen dreht.

Wer kann, schlappt in Flip-Flops zum nächsten verfügbaren fließenden oder stehenden Gewässer, wo einige wenige Hautkrebtskandidaten in der prallen Sonne wie Bratwürste vor sich hin garen, während der Rest der Badegäste sich in den Schatten von Bäumen und Büschen geschleppt hat. Nach einem ersten Gang ins Wasser setzen ein oder zwei Hirnfunktionen wieder ein und durch den Duft von Grillanzündern hindurch, der am Ufer entlangwabert, entwickeln sich mancherorts sogar nicht gänzlich sinnentleerte Gespräche. Über Grillgut und Grillgutpreise. Über Erfrischungsgetränke. Über aktuelle Temperaturen und Wetterprognosen. Und natürlich: Über die eben beendete Fußballweltmeisterschaft in Südafrika.

Nur beschwerlich guckt hie und da ein einsamer Badegast in eine Tages- oder Wochenzeitung. Die Sonnencreme verklebt Finger mit Druckerschwärze und Papier, die Hitze verkohlt die letzte, verbleibende Konzentration und am Ende liest man doch nur „aus aller Welt“ oder „Panorama“ oder wie die Seite mit den knackigen Belanglosigkeiten auch heißen mag – anstatt des ohnehin mageren Politikteils. Und wer beachtete eigentlich in den vergangenen Wochen die Kurz-Ausgaben der Tagesthemen oder des Heute-Journals, die sich in die Halbzeitpausen der WM-Spiele zwängten? Ganz egal, wie brisant die Meldungen und Beiträge auch sein mochten, ganz egal, wie bedeutsam Marietta Slomka oder Tom Buhrow auch in die Kamera blickte, in jenem Moment ging Fußball-Deutschland geschlossen aufs Klo, holte Bier aus dem Kühlschrank oder drehte die Würstchen auf dem Grill, während stets irgendwer den Fernseher auf lautlos stellte und zu fachsimpeln begann, ob der Schiedsrichter nun berechtigterweise das passive Abseits abgepfiffen hatte oder nicht.

Beschauliche Sommerstimmung im Verbund mit Zauberfußball einer meist unverkrampften DFB-Elf. Ein überaus brisantes Szenario, wären Merkel, Seehofer und Westerwelle tatsächlich Vorsitzende einer Wunschkoalition, Vorkämpfer für eine gemeinsame Vision oder zumindest für einen überlebensfähigen politischen Kompromiss – und nicht Regierungsmehrheit und Opposition in Personalunion. Wäre die selbsternannte Wildsau-Gurkentruppe wirklich jenes ominöse monolithische „bürgerliche Lager“, von dem man so lange schwadroniert hatte, es hätte im bundesdeutschen Fußballtaumel alle Register gezogen und die Situation gnadenlos ausgenutzt. Kaum einer hätte es bemerkt und wenn, wäre er spätestens nach dem formidablen 4:1 gegen England nicht mehr aus dem Sofa gekommen, um sich zu echauffieren. Erst jetzt, nach der WM, hätten die Bürger sich die Augen gerieben. Denn Schwarzgelb hätte den Ausstieg aus dem Atomausstieg festgezurrt, das paritätische Gesundheitssystem zugunsten der unsozialen Kopfpauschale aus den Angeln gehebelt, die Wehrpflicht abgeschafft oder noch einmal verkürzt oder verlängert oder verdoppelt. Man hätte vielleicht sogar das berühmte „niedrigere, einfachere und gerechtere Steuersystem“ diskutiert, wenn auch nur um festzustellen, dass es zwar nicht niedriger aber zumindest einfacher ginge – und gerechter eben nur insofern, als dass die FDP-Klientel sich freuen dürfte.

Gut. Sie haben uns einen Bundespräsidenten aufgehalst, der „Vaterland“ sagt, ohne rot zu werden. Sie haben eine „Gesundheitsreform“ zusammengeschwurbelt, die eigentlich nur eine Beitragserhöhung ist. Sie haben ein sinnfreies und unsoziales Stipendienprogramm durch den Bundesrat geprügelt und sich gleichzeitig eine ohnehin mickrige Bafög-Erhöhung dankend von den Länder-Delegierten zerlegen lassen. Und sie üben sich in Taschenspielertricks, indem sie Hartz-IV-Empfängern das Elterngeld streichen, dadurch 400 Milionen Euro einsparen, nur um dann dem Urteil des Bundesverfassungsgerichts zu entsprechen und 480 Milionen Euro für Kinder von Hartz-IV-Familien einzuplanen.

Und doch, jetzt wo Fußballweltmeisterschaft und Politik sich gleichermaßen ins Sommerloch verabschiedet haben, kratzt man sich verwundert am Kopf und fragt sich: Das war schon alles? Eigentlich ist es weder meine Art noch meine Aufgabe, aber man kann die Noch-Bundesregierung nur loben: Sie hat weniger Schaden angerichtet, als sie sich vorgenommen hatte und als sie, rein rechnerisch, hätte umsetzen können. Trotz der hervorragenden Ablenkung der Öffentlichkeit durch die WM. Dafür, liebe Bundesregierung, vielen Dank.

Ewige Stadt V – Abschied

July 6th, 2010
Männermode um 312 n.Chr.

Männermode um 312 n.Chr.

Oliven

Oliven

Römisches Pflaster

Römisches Pflaster

Kalorienauslage

Kalorienauslage

"Ketzer" von hinten

"Ketzer" von hinten

Taralli

Taralli

Noia... (zu dt.: Langeweile, Unannehmlichkeit, Ungemach, Verdruss)

Noia... (zu dt.: Langeweile, Unannehmlichkeit, Ungemach, Verdruss)

I'm thinking about my doorbell, when you gonna ring it? When you gonna ring it?

I'm thinking about my doorbell, when you gonna ring it?

Abschied in Trastevere

Abschied in Trastevere

Ewige Stadt IV

June 9th, 2010
Wow! Italian Shops! In Rom!

Wow! Italian Shops! In Rom!

Laterne bei Tiberinsel

Laterne (von unten)

Premere - Push

Premere - Push

Gründerzeit-Kaufhaus Nähe Via dei Condotti

Gründerzeit-Kaufhaus bei Via dei Condotti

Hinter Gittern (Villa Borghese)

Hinter Gittern (Villa Borghese)

Fahrrad am Tiber

Fahrrad am Tiber

Liebesschloss (Villa Borghese)

Liebesschloss (Villa Borghese)

Verboten (Villa Borghese)

Verboten (Villa Borghese)

Traurige Statue (Patriot auf Gianicolo)

Traurige Statue (Patriot auf Gianicolo)

Haus

Haus

Regen in Trastevere

Regen in Trastevere

Bastardo del Veneto?!?

Bastardo del Veneto?!?

Katze in Kiste

Katze in Kiste

Urks...

Attenti al gatto

Mondschein

Mondschein in Montesacro

Ewige Stadt III – Gestrickte Streetart in Via Nazionale

June 6th, 2010
Gestrickte Streetart in Via Nazionale, Rom (1)

Streetart 1

Gestrickte Streetart in Via Nazionale, Rom (2)

Streetart 2

Gestrickte Streetart in Via Nazionale, Rom (3)

Streetart 3

Gestrickte Streetart in Via Nazionale, Rom (4)

Streetart 4

Gestrickte Streetart in Via Nazionale, Rom (5)

Streetart 5

Gestrickte Streetart in Via Nazionale, Rom (6)

Streetart 6

Gestrickte Streetart in Via Nazionale, Rom (7)

Streetart 7

Gestrickte Streetart in Via Nazionale, Rom (8)

Streetart 8

Wulff ist kein Regenschirm

June 4th, 2010

Bürger im Regen

Jetzt ist es also Christian Wulff. Er soll es werden. Er soll Deuschland, nein, gleich alle Deutschen repräsentieren. Bundespräsident Christian Wulff. Und schon jetzt, wo er noch nicht einmal gewählt ist, wo er noch brav Merkels, Westerwelles und Seehofers Redebeiträge abwarten muss, bevor er selbst sprechen darf, schon jetzt hat er einen Kontrapunkt zu seinem unrühmlich aus dem Amt gestolperten Vorgänger gefunden. Er will nicht „unbequem“ werden, kann kein kantiger Außenseiter sein. Stattdessen erklärt er programmatisch: „Ich denke, man kann die Menschen zusammenführen, etwas für den Zusamenhalt unserer Gesellschaft tun, Mut machen, auch Optimismus in schwierigen Zeiten machen.“ Er klingt dabei, als habe er das Amt bereits Monate lang inne. Schwer wiegen die rhetorischen Pausen, schwerer noch der langsame Walzer des Wortrhythmusses. Und doch täuscht sich, wer glaubt, dass bei der Kandidaten-Suche das erste Kriterium tatsächlich die würdevolle, staatstragende Repräsentanz der Bundesrepublik Deutschland gewesen wäre. Weit gefehlt!

Den Beteiligten am eilig vorangetriebenen Entscheidungsprozess der „P-Frage“ ging es kaum darum, den geeignetsten Kandidaten für das höchste Amt im Staate zu finden. Ganz andere Namen hätten da fallen müssen. Der eben erst aus der Präsidentschaft des Bundesverfassungsgerichts geschiedene Hans-Jürgen Papier zum Beispiel. Oder der chancenlose Gegenkandidat von SPD und Grüne, der frühere DDR-Bürgerrechtler und erste Bundesbeauftragte zur Sicherung der Stasi-Unterlagen Joachim Gauck. Über Letzteren schreibt sueddeutsche.de: „Joachim Gauck […] wäre in einer anderen Situation unter stabileren politischen Umständen ein Mann, der viel Rückhalt auch in Union und FDP […] finden könnte. Er verkörpert jenes größere, komplizierte Deutschland, in dem wir seit 1990 leben, allemal besser als ein jüngerer Ministerpräsident aus dem Westen.“ In Wirklichkeit geht es bei Wulffs Nominierung also um etwas, was herzlich wenig mit dem Wohl des Landes zu tun hat, sondern mehr mit dem Wohl der Regierungskoalition. Wulffs Figur wurde von Merkel, Seehofer und Westerwelle nicht auf dem Berliner Schachbrett in Stellung gebracht, damit dieser „etwas für den Zusammenhalt unserer Gesellschaft“ tut, sondern damit er den Zusammenhalt der regierenden Parteien demonstriert – nach innen wie nach außen. Ihnen soll er „Mut machen, auch Optimismus in schwierigen Zeiten“, niemandem sonst. Was können die Bürger von diesem aus parteipolitischer Räson geborenen Fast-Bundespräsidenten in den kommenden fünf Jahren also erwarten? „Keine anstrengenden geistigen Herausforderungen“, meint Peter Spreng – und bringt es damit meisterhaft auf den Punkt.

Vielleicht wird er also noch weniger als sein Vorgänger in Erscheinung treten. Dass das überhaupt möglich ist, hätte man angesichts des präsidialen Vakuums kurz vor Köhlers verhängnisvollem Abstecher in Afghanistan kaum für möglich gehalten. Aber was soll bei dieser berliner Chaos-Truppe schon Gutes rumkommen?

Eigentlich nichts. Oder nichts Gutes. Und wenn doch mal ein guter Vorschlag im Kabinett Merkel II kursiert, ist es meist einer, der es verdient hätte, viel früher und aus ganz anderen Motiven besprochen zu werden. Die Wehrpflicht war über Jahrzehnte hinweg ein Dorn im Auge jedes auch nur im entferntesten pazifistisch orientierten Menschen. Jetzt soll sie „ausgesetzt“ werden. Um zu sparen. Die LKWs auf deutschen Straßen sind nicht nur für jene Anwohner, die deren Lärm und Feinstaub ertragen müssen, eine Pest, es ist auch schon lange klar, dass nachhaltiger Umweltschutz nur dann vorankommt, wenn mehr Logistik über die Schiene statt über die Straße abgewickelt wird. Und jetzt endlich erwägt man die Ausweitung der LKW-Maut. Um zu sparen. Gleich zu Anfang der Legislaturperiode hatte die FDP jede Glaubwürdigkeit, die trotz Guido Westerwelle an der Partei haften geblieben war, abgestreift, indem sie ein Steuergeschenk an die deutsche Hotelbranche auf den Weg brachte, das sich gewaschen hatte. Jetzt soll es wieder getilgt werden. Um zu sparen. Hätte man es lieber gleich in der Schublade der Lobbyisten vergammeln lassen. Und last but not least: Die angebliche Unkontrollierbarkeit der globalen Kapitalströme erzwinge es, alles platt zu walzen, was deren Abfluss nach Deutschland bremsen könne, hieß das lange gepflegte Credo der Marktradikalen bei CDU und FDP. Jetzt prescht Schwarz-Gelb mit einer Regulierungsmaßnahme nach der anderen vor. Erst die Finanztransaktionssteuer. Dann das Verbot von Leerverkäufen. Schäuble erklärt: „Die Märkte rufen geradezu nach mehr Regulierung, damit sie sich nicht selbst zerstören!“ Wäre schön, man hätte das eingesehen, bevor wir die Finanzbranche mit Unsummen subventionieren mussten.

Aber ansonsten sieht es eher mau aus. Und auch die ach so schnelle und geschlossene Entscheidung zur Nominierung Wulffs kann nicht kaschieren, was unter den Augen der Öffentlichkeit ist: Kein Programm, keine Idee, keine Vision trägt diese wacklige Koalition. Sie handelt nicht von sich aus, um zu gestalten. Sie wird von der Realität zum Handeln getrieben. Das allein wäre noch nicht katastrophal. Aber sie handelt, mit wenigen Ausnahmen, schlecht. Unausgewogen. Unüberlegt. Und das ist allerdings katastrophal. Deutschland ist schlecht regiert. Der Bürger steht im Regen und die Regierung hat keinen Regenschirm parat. Das ändert kein Köhler und kein Wulff.

Zweite Amtszeit entsorgt [UPDATE]

May 31st, 2010

Müllabfuhr (in Rom)

Mein Gott, da ist es plötzlich passiert. Köhler ist zurückgetreten. Wegen eines verpatzten Interviews. Er trat begleitet von seiner Ehefrau vor die Presse und sagte, er bedauere, dass seine Äußerungen „zu Missverständnissen führen konnten“, der Vorwurf aber, er befürworte Bundeswehreinsätze, die vom Grundgesetz nicht „gedeckt“ seien, entbehre „jeder Rechtfertigung“ und lasse „den notwendigen Respekt“ vor dem Amt des Bundespräsidenten vermissen. Dann erklärte er trocken seinen Rücktritt – mit sofortiger Wirkung. Köhlers Rückzug ist ein historisches Novum. Und er ist schwer nachvollziehbar. Man kann dem Vorsitzenden der Grünen, Cem Özdemir, nur zustimmen, wenn er sagt, dass es „ein wesentliches Grundelement der Demokratie ist, dass auch das Staatsoberhaupt nicht sakrosankt gegenüber öffentlicher Kritik ist“. Und gerade Bundespräsident Köhler, der bei seinem Antritt 2004 mutig erklärte, er wolle „notfalls unbequem“ in seinem Amt wirken, hätte Widerspruch und Kritik einstecken können müssen. Ansonsten wäre seine programmatische Ankündigung ja von vornherein verfehlt gewesen. Wer sich streitbar gibt, muss Streit ertragen.

Nach besagtem Interview hätte er viele Handlungsoptionen gehabt. Sein Rücktritt war keineswegs zwingend oder alternativlos. Wenn es wahr ist, dass Köhler weiteren Ausdehnungen deutscher Kriegseinsätze nicht das Wort reden wollte, hätte er auch als deutscher Bundespräsident erklären können, dass seine Äußerung verfehlt oder unbedacht waren. Es wäre durchaus nicht verwerflich gewesen, wenn er eingestanden hätte, etwas gesagt zu haben, das derart missverständlich war, dass daraus eine Aussage wurde, die er gar nicht vertreten wollte. Das kann passieren, wenn man übermüdet Interviews gibt. Auch dem höchsten Amtsträger dürfen Fehler unterlaufen – wenn er sie später beiseite räumt.

Stattdessen warf Köhler einfach alles hin. Und kritisierte, die gegen ihn erhobenen Vorwürfe entbehrten jeder Grundlage. Seien Ausdruck von mangelndem Respekt vor dem Amt. Ohne in der Sache das geringste geklärt zu haben. Ohne erläutert zu haben, warum die Vorwürfe haltlos sein sollen. Und inwiefern es Mangel an Respekt ist, an die deutsche Verfassung zu erinnern, wenn offenbar missglückte Sätze lange Schatten werfen. In der Sache hat Köhler uns nicht voran gebracht. Den Diskurs, den er anstoßen wollte und der in einer Demokratie naturgemäß kontrovers verlaufen kann, hat er verweigert. Ohne hämisch sein zu wollen: Einem Horst Köhler hätte man mehr zutrauen können, als einfach davonzulaufen.

[UPDATE] Wie ich im Posting von gestern Nacht schon beschrieben hatte, gab es einen irritierend großen zeitlichen Abstand zwischen Köhlers Interview und der harschen Kritik, die ihm später entgegenschlug. Auf sueddeutsche.de habe ich gerade einen aufschlussreichen Text entdeckt, der erklärt, wie es dazu kam: Die Hörer des Deutschlandfunks, in dem das Interview gesendet worden war, bewegten die Redaktion des Senders offenbar dazu, das Thema erneut aufzugreifen. Erst dadurch fand die umstrittene Äußerung Köhlers im politischen Berlin Gehör. Auch Radio kann 2.0. [/UPDATE]

Kanonenbootspolitik durch die Hintertür [UPDATE]

May 31st, 2010

Zerschlissene Pace-Fahne

Zuerst war Köhlers Satz von den wirtschaftlichen Interessen Deutschlands, die es notfalls militärisch zu verteidigen gelte, eine kaum beachtete Randnotiz. Die Redaktion des Deutschlandfunks hatte ihn gleich ganz aus dem Interview geschnitten und stattdessen den Fokus darauf gelegt, dass der Bundespräsident mangelnde Anerkennung und Respekt in der Bevölkerung gegenüber den Bundeswehrsoldaten in Afghanistan beklagte. [UPDATE] Allerdings war die umstrittene Äußerung in der Sendung von Deutschlandradio Kultur enthalten. [/UPDATE] Auf sueddeutsche.de ging es vor allem um Köhlers missglückte Bemerkung, mit der er angeblich den Siegeswillen der deutschen Truppen in Zweifel zog – die imperialistisch anmutenden Worte des Bundespräsidenten fanden zwar Eingang in den letzten Absatz, blieben aber unkommentiert.

Die Entrüstung bahnte sich erst einige Tage später an: Am 27. Mai versammelte Spiegel-Online zahlreiche kritische Stimmen: Thomas Oppermann, parlamentarischer Geschäftsführer der SPD, warf Köhler vor, der „Akzeptanz der Auslandseinsätze der Bundeswehr“ geschadet zu haben, und stellte klar, man wolle keine „Wirtschaftskriege“. Der Verfassungsrechtler Ulrich Preuß bezeichnete Köhlers Aussagen nicht nur als „höchst irritierend“ und juristisch fragwürdig, sondern erkannte in ihnen auch Ähnlichkeiten zum englischen Imperialismus des 19. Jahrhunderts. Tagesschau.de zitierte indes Grünen-Fraktionschef Trittin, der von „Kanonenbootspolitik“ sprach. Linke-Parteichefin Gesine Lötzsch freute sich, dass Köhler „ausgeplaudert“ habe, was ihre Partei schon seit Jahren kritisierte. Und Wolfgang Jaschensky von der Süddeutschen fragte sich sogar, ob sich „der bislang eher harmlose Horst“ an Wilhellm II inspiriert habe und sich alsbald zu „Kaiser Horst I“ aufschwinge.

Militärischer Einsatz für deutsche Interessen?

Tatsächlich lassen Köhlers Äußerungen an Deutlichkeit nicht zu wünschen übrig. Im Gespräch mit Christopher Ricke vom Deutschlandfunk sprach er über den Einsatz der Bundeswehr in Afghanistan und die Notwendigkeit eines gesellschaftlichen Diskurses, um den Rückhalt der Soldaten in der Bevölkerung zu erhöhen. Unmittelbar darauf, ohne größere rhetorische Pause, ohne die Thematik von Afghanistan weg zu führen oder sie auf allgemeinere Ebene zu heben, ergänzte er:

Meine Einschätzung ist aber, dass insgesamt wir auf dem Wege sind, doch auch in der Breite der Gesellschaft zu verstehen, dass ein Land unserer Größe mit dieser Außenhandelsorientierung und damit auch Außenhandelsabhängigkeit auch wissen muss, dass im Zweifel, im Notfall auch militärischer Einsatz notwendig ist, um unsere Interessen zu wahren, zum Beispiel freie Handelswege, zum Beispiel ganze regionale Instabilitäten zu verhindern, die mit Sicherheit dann auch auf unsere Chancen zurückschlagen negativ, bei uns durch Handel Arbeitsplätze und Einkommen zu sichern.

Es fällt schwer, dem Sprecher des Bundespräsidenten und anderen Stimmen, die Köhler in Schutz nahmen, zu glauben, wenn sie behaupten, er habe sich nicht auf den Afghanistan-Einsatz bezogen.

Einige Kommentatoren geben sich indes als Besserwisser. Köhler habe sich schon irgendwie missverständlich ausgedrückt. Aber eigentlich habe er doch nur ausgesprochen, was sowieso schon lange Realität der deutschen Außenpolitik sei, was im Weißbuch der Bundesregierung stehe, was in der NATO-Strategie verankert sei. Inhaltlich gäbe es an Köhlers Aussagen gar nichts auszusetzen. War der heftige Widerspruch, den das deutsche Staatsoberhaupt kassiert hatte, also nichts als ein Ausdruck von realitätsfernen und populistischen Träumereien postpazifistischer Couleur?

Na und?

Es ist wahr: In der Nato kursieren und kursierten Strategiepapiere, in denen das transatlantische Bündnis als „Instrument zur Sicherung der Energieversorgung“ der Mitgliedsstaaten gesehen wird. Im „Weißbuch zur Sicherheitspolitik Deutschlands und zur Zukunft der Bundeswehr 2006“ heißt es auf Seite 23 unter der Überschrift „Energiesicherheit“: „Energiefragen werden künftig für die globale Sicherheit eine immer wichtigere Rolle spielen.“ Ob Scharping, Steinmeier, Jung oder – lange vor ihnen – Volker Rühe, sie alle stellten ähnliche Überlegungen an: 1992 erhob der damalige Verteidigungsminister Volker Rühe den Anspruch, Handelswege und Ressourcenzugang zu verteidigen. 2001 erinnerte Scharping an die „strategischen Ressourcen Öl und Gas“ im kaspischen Raum. 2002 war es Struck, der die Verteidigung der Rohstoffversorgung in Zusammenhang mit der europäischen Sicherheitspolitik brachte. 2006 erklärte Jung, Stabilität im Kongo sei wichtig für die deutsche Wirtschaft – wegen seiner Rohstoffe. Und im gleichen Jahr Steinmeier: „Globale Sicherheit im 21. Jahrhundert wird untrennbar auch mit Energiesicherheit verbunden sein.“ Die Kommentatoren haben also recht. Köhler ist nicht der erste, der Sicherheitsinteressen mit Wirtschaftsinteressen vertauschen möchte. Dennoch muss gefragt werden: Na und? Was oft irgendwer irgendwo proklamiert hat, wird dadurch noch lange nicht richtiger.

Kein Blanko-Scheck

Artikel 87a des Grundgesetzes ist eindeutig: „Außer zur Verteidigung dürfen die Streitkräfte nur eingesetzt werden, soweit dieses Grundgesetz es ausdrücklich zuläßt.“ Ausdrücklich zulässig ist es für die Bundesrepublik nach Artikel 24 GG, „sich zur Wahrung des Friedens einem System gegenseitiger kollektiver Sicherheit ein[zu]ordnen“. Auf Letzteres fußen sämtliche Auslandseinsätze der Bundeswehr, denn 1994 entschied das Bundesverfassungsgericht, dass Deutschland mit einem solchen System verbundene Aufgaben erfüllen dürfe. Damit waren die Out-of-area-Einsätze der Bundeswehr höchstrichterlich abgesegnet und die Bundeswehr ein internationales Interventionsinstrument. Ein Blanko-Scheck war das aber trotzdem nicht: Es ist nämlich immer noch von einem System die Rede, dessen Aufgabe die „Wahrung des Friedens“ ist. Nicht die Wahrung von Ressourcen. Natürlich versuchten sich die Vordenker neoimperialistischer Luftschlösser gerne darin, Frieden mit Sicherheit, Sicherheit mit Prävention und Letztere mit Ressourcensicherung zu verquicken. Ein Frieden aber, der nur eingehalten wird, solange die reichsten Länder der Erde bekommen, was sie wollen, ist in der Verfassung nicht gemeint. Frieden ist Frieden.

Krieg in Afghanistan

Auch der Einsatz in Afghanistan wirft, mit Blick auf den Wortlaut der Verfassung, Fragen auf. Wie überzeugend kann die These sein, am Hindukusch Sicherheit für Deutschland und Frieden für die Region zu gewährleisten, wenn dort in Wirklichkeit längst ein blutiger Kriegszustand ausgebrochen ist, die afghanische Regierung nicht wirklich handlungsfähig zu sein scheint und der Afghanistankonflikt insgesamt vor allem Pakistan destabilisiert? Sollten pakistanische Atomwaffen in Terroristenhänden landen, wären die Mission Enduring Freedom und das ISAF-Mandat, die ja Terrorbekämpfung und Wiederaufbau zum Ziel hatten, mehr als nur gescheitert.

Man hätte im Vorfeld, vor dem Krieg, die jüngere afghanische Geschichte in Betracht ziehen können und wäre sich so vielleicht schon bald darüber klar gewesen, in welches Abenteuer man da gerade Cowboy Georg W. Bush hinterher ritt. So wie der Afghanistan-Krieg geplant und durchgeführt wurde, hatte er nie wirklich viel mit „Wahrung des Friedens“ oder „gegenseitiger kollektiver Sicherheit“ zu tun. Denn wie Pazifisten richtigerweise auf Demonstrationen skandieren: bombing for peace is like fucking for virginity. Spätestens jetzt, wo auch ein Baron von und zu Guttenberg umgangssprachlich von „Krieg“ zu sprechen wagt und der ehemalige Kommandeur der britischen Spezialeinheiten, Sebastian Morley, den gesamten Einsatz für „nutzlos“ hält, sollte klar sein, wie wenig die Bundeswehr in Afghanistan jene Funktion erfüllt, die ihr vom Grundgesetz zugedacht wurde.

Das weltpolitische Parkett

Wenn man es genau bedenkt, zeugt es von großer Dreistigkeit, wenn geklagt wird, die deutsche Bevölkerung unterstütze die Soldaten in Afghanistan zu wenig. Denn sie ist nie gefragt worden, ob sie es überhaupt für richtig hält, die Bundeswehr derart einzusetzen. Die Ambitionen der deutschen Politik auf dem weltpolitischen Parkett waren derart groß, dass man die Transformation der Bundeswehr mit jedem Auslandseinsatz schneller voran trieb, während man den nötigen gesellschaftlichen Diskurs mied wie der Teufel das Weihwasser. Horst Köhler regte im folgenreichen Interview mit Deutschlandfunk-Reporter Ricke unter anderem an, den politischen Diskurs zum Afghanistan-Einsatz in Gang zu setzen. Dem ist voll und ganz zuzustimmen. Allerdings sollte er sich nicht, wie Köhler meinte, darum drehen, „wie es kommt, dass Respekt und Anerkennung zum Teil doch zu vermissen sind, obwohl die Soldaten so eine gute Arbeit machen.“ Vielmehr muss gefragt werden: Wollen wir eine global aktive Bundeswehr? Und wenn ja, in welchen Situationen soll sie eingesetzt werden dürfen? Erst wenn diese Fragen in Deutschland offen diskutiert werden, können wir entscheiden, was zu tun ist. Ob die Bundeswehr weiter Krieg führen soll und die Verfassung geändert werden muss. Oder ob der Verfassungstext unangetastet bleibt und die Bundeswehr wieder das tut, was ihre Aufgabe ist: Verteidigen und Frieden wahren.

Eine Randbemerkung: Dass die Bundeswehr weder Söldner noch Kriegsverbrecher ausbilden sollte, könnte man eigentlich als selbstverständlich erachten. Ist es aber leider nicht.

Wenn Deregulierer regulieren…

May 19th, 2010

Als Guido Westerwelle nach der Wahl in Nordrhein-Westfalen vom Denkzettel sprach, der angekommen sei, war noch nicht abzusehen, wie schnell sich dies auf die Handlungsebene der FDP in der Bundespolitik auswirken würde. Bzw. auf die Nicht-Handlungsebene. Denn die Liberalen scheinen endlich ihren Widerstand gegen Maßnahmen aufgegeben zu haben, die sie zuvor noch für Teufelszeug hielten. In ungewohnter Geschlossenheit gibt sich die Koalition plötzlich als große Beförworterin strenger Regulierungsmaßnahmen auf den Finanzmärkten. Eine Finanzmarktsteuer soll international vorangetrieben werden, die sich wahrscheinlich nicht nur auf Gewinne und Boni der Banker, sondern auf sämtliche Finanztransaktionen erstrecken und somit spekulative Investitionen weniger attraktiv machen soll. Die EU-Finanzminister, allen voran Wolfang Schäuble, wollen Hedgefonds künftig streng kontrollieren. Angela Merkel möchte die berüchtigten Kreditausfallversicherungen (Credit Default Swap) begrenzen. Birgit Homburger, die nach dem viel zu späten Rückzug Westerwelles auf außenpolitisches Terrain das neue Sprachrohr der Liberalen geworden zu sein scheint, nimmt die zwei zentralen Punkte des FDP-Wahlprogramms, Kopfpauschale und Steuerreform, endgültig von der Agenda. Und fordert ein Verbot von ungedeckten Leerverkäufen und die Einrichtung einer europäischen Ratingagentur.

So viel Staat, so viel Regulierung wünschen sich also diejenigen, die einst das staatliche Eingreifen soweit wie möglich zurückstutzen wollten. Merkel zu Zeiten des Leipziger CDU-Parteitages. Und die FDP vor nicht einmal eineinhalb Wochen. Die Ära der Deregulierung und Flexibilisierung könnte nun endgültig zu Ende sein. Wieder und wieder wurde uns erzählt, wenn wir nicht alles unternähmen, um so attraktiv wie nur irgend möglich für die flüchtigen, internationalen Kapitalströme zu sein, dann würden wir im Strudel der Globalisierung untergehen. Was wurde mit dieser Argumentation nicht alles durchgewunken. Sozialabbau. Bologna-Prozess. Hedgefonds. Und ist uns das globalisierte Geld in die Taschen getanzt? Pustekuchen. Der flexibilisierte Durchschnittsbürger hat nichts davon gesehen. Das Geld tanzte auf anderen Partys.

Stattdessen sind wir jetzt um eine Erkenntnis reicher, die wir nicht unbedingt auf diesem Wege hätten in Erfahrung bringen müssen. Denn schon zuvor war abzusehen, wir sehr weltwirtschaftliche Entwicklungen die nationalen und internationalen politischen Gestaltungsspielräume übertrumpften. Kaum zu glauben, dass irgendwer jemals in das Heilsversprechen eines entfesselten Marktes vertrauen wollte. Warum sollten wir nun also nicht zurückkehren in eine Welt, in der der Markt nichts weiter ist als eine von vielen gesellschaftlichen Institutionen, von denen jede einzelne gewissen Regeln unterworfen ist, um ihre jeweils spezifische Funktion erfüllen zu können? Damit der Markt den Menschen dient – und nicht umgekehrt.

Wie aber wird das „bürgerliche Lager“, vor allem die FDP, die scharfe 180-Grad-Kurve der letzten Tage verkraften? Hin und wieder mag sich der Eindruck aufdrängen, dass die Finanzmarktregulierung für Schwarz-Gelb zu dem werden könnte, was die Agenda 2010 für Rot-Grün war. Auch wenn im Detail der Vergleich an zahlreichen Stellen hinkt – die Agenda 2010 wurde lange geplant und entsprach parteiinternen Entwicklungen, die sich an New Labour im Vereinten Königreich orientierten, während die Finanzmarktregulierung Hals über Kopf zusammengeschustert wird – dennoch ist da wieder ein politisches Lager, das gegen eigene Traditionen und Identitäten anrennen muss. Gegen das wirtschaftsliberale Deregulierungs-Credo sowohl in weiten Teilen der Union wie natürlich auch in der FDP. Letztendlich ist es aber noch viel zu früh, über diese Frage zu spekulieren. Denn noch ist überhaupt nicht klar, wie hoch der Anteil an heißer Luft in den vollmundigen Regulierungs-Ankündigungen am Ende ausfällt.

Ewige Stadt II

May 16th, 2010
Vittoriano 1

Vittoriano 1

L'Italia under construction

L'Italia under construction

Vittoriano 2

Vittoriano 2

Vittoriano 3

Vittoriano 3

Vittoriano 4

Vittoriano 4

Erbe der Antike 1

Erbe der Antike 1

Erbe der Antike 2

Erbe der Antike 2

Erbe der Antike 3

Erbe der Antike 3

Erbe der Antike 4

Erbe der Antike 4

Tiber 1

Tiber 1

Tiber 2

Tiber 2

Sozialliberal vs. bürgerlich?

May 13th, 2010

Beschmiertes FDP-Wahlplakat

Was ist am sogenannten „bürgerlichen Lager“ denn bitte „bürgerlich“? Das frage ich mich ziemlich oft. Und damit bin ich nicht allein. Cem Özdemir, Bundesvorsitzender der Grünen, fragt sich das auch. Und ich bin mir nicht sicher, ob es irgendwer jemals treffender formuliert hat als er. Im Spiegel-Interview sagt er: „Ich weiß schon lange nicht mehr, was daran bürgerlich sein soll, wenn man sich wie die Kesselflicker streitet, das Geld zum Fenster hinauswirft und dann auch noch so tut, als liege eine zweite Erde im Kofferraum.“ Das ist aber nicht der einzige Nagel, den der Mann auf den Kopf trifft. Er spricht auch noch aus, was mir schon eine ganze Weile Kopfschmerzen bereitet, dass nämlich diejenigen, denen der Extremismus-Vorwurf am leichtesten über die Lippen kommt, ebenfalls nicht gerade die Helden des politischen Pragmatismus sind: Sowohl die FDP als auch Die Linke seien beide nicht regierungsfähig und bräuchten „gute Aufpasser“ an ihrer Seite, sagt Özdemir.

Man könnte meinen, die jüngsten Verlautbarungen der Liberalen im rotierenden nordrhein-westfälischen Koalitionskarussell seien nichts weiter als ein bloßer Ausdruck dessen. Kindische Trotzigkeit. Verletzter Stolz. Pure Überheblichkeit. Erst wenn SPD und Grüne Koalitionsverhandlungen mit der Linkspartei offiziell ausschlössen, erklärten die Liberalen, würde man in der FDP Verhandlungen mit SPD und Grünen erwägen. Den ein oder anderen mag das an vergangene Sandkasten-Tage erinnern: „Wenn du zu Bärbel spielen gehst, bist du nicht mehr mein Freund!“

Die Liberalen hatten diese Position mit der altbekannten Warnung vor Extremismus, Kommunismus und dem Untergang des Abendlandes zu begründen versucht. Wer mit Extremisten verhandele, sei kein Verhandlungspartner der FDP, tönten sie. Dass aber selbst die mickrigen 6,7 Prozent, welche die Liberalen bei der Wahl in NRW kassierten, in gewisser Weise eine Verpflichtung sein könnten, an einer produktiven Regierungsbildung in Nordrhein-Westfalen mitzuwirken, dass gar ihre eigene Partizipation an Koalitionsverhandlungen jede Machtoption der Linken unterbinden könnte, darauf schien man in der Düsseldorfer FDP-Fraktion nicht zu kommen. Oder nicht kommen zu wollen. Denn es ist durchaus legitim zu mutmaßen, dass hinter dem scheinbar kindischen und überheblichen Gebaren eine zumindest ansatzweise durchdachte Taktik steckt: Würden SPD und Grüne der liberalen Forderung nachkommen und Gespräche mit der Linken ausschließen, wären Sozialdemokraten und Grüne jeder Maximalforderung der FDP ausgeliefert. Und würde die FDP diese entsprechend ausreizen, bliebe Hannelore Kraft nur noch die Große Koalition. Die FDP hätte damit gleich zwei Fliegen mit einer Klappe geschlagen: Ihre Fraktion wäre einseits dort, wo die Basis sie haben will, nämlich in der Opposition. Und gleichzeitig hätte man Rot-Rot-Grün verhindert.

Gerade Letzteres ist für die Liberalen nicht unwichtig. Betrachtet man das Ergebnis der vergangenen Landtagswahl in reiner Lageroptik, dann hat eine deutliche Mehrheit der Bevölkerung (52,2 %) links gewählt. Und auch die Bundestagswahl ist in dieser Sichtweise verhältnismäßig knapp ausgegangen (48,4 % „bürgerlich“, 45,6 % „links“). Die Überwindung der Spaltung im linken Lager, ein linker Lagerwahlkampf mit großer Vision und großem Gesellschaftsentwurf gar, wäre der Alptraum der „bürgerlichen“ Parteien. Und es wäre dennoch der natürliche Pendelschlag der öffentlichen Meinung, der gesellschaftlichen Entwicklung, nach einem völlig wirtschaftsfreundlichen Zeitalter der Deregulierung und Flexibilisierung. In dem reguläre Beschäftigung abgebaut wurde und prekäre Arbeitsverhältnisse massiv zugenommen haben. In der die Schrauben an allen Ecken und Enden angezogen wurden: bei den Arbeitslosen, bei den Angestellten, aber gerade auch bei Schülern und Studenten, die nach acht Jahren Abitur, drei Jahren Bachelor und zwei Jahren Master die Taschen voller Abschlüsse und Praktikumsbescheinigungen haben müssen, um danach in befristeten Verträgen und Scheinselbständigkeit ihre Bildungskredite abzustottern.

Doch hinter den jüngsten Entwicklungen in NRW könnte noch mehr stecken. Bei genauerem Hinsehen hat parteiübergreifendes Gefeilsche um Farbenspiele und Machtoptionen immer auch eine parteiinterne Dimension. Und die ist gerade in der FDP am interessantesten. Wie Thorsten Denkler auf sueddeutsche.de anschaulich beschreibt, sind die Freien Demokraten keineswegs die monolithische Ein-Themen-Partei, als die Westerwelle sie gerne darstellt. Nur leider hat in den vergangenen Jahrzehnten das spirituell-dogmatische Steuersenkungsmantra des wirtschaftsliberalen Flügels die anderen Strömungen überlagert, übertönt und übertüncht. Und wer kann sich schon bei all dem Hartz-IV-Gezeter noch an die sozialliberale Koalition unter Willy Brandt und Helmut Schmidt erinnern, geschweige denn an die heute noch bemerkenswerten Freiburger Thesen von 1971? Doch es kommt Bewegung in die Ein-Themen-Partei, die seit Neustem zur Null-Themen-Partei zu degenerieren droht. Jüngst hat Justizministerin Leutheusser-Schnarrenberger erklärt, nichts gegen die Finanztransaktionssteuer einzuwenden zu haben. Wo es doch sonst zur Berufsbeschreibung eines Liberalen gehört, etwas gegen „Wachstumshemmnisse“ zu haben. Ein Tabubruch. Und ein Signal.

Bedrohlich wäre eine Ampelkoalition aus SPD, Grünen und FDP für die Westerwelles und Pinkwarts in der FDP also weniger, weil SPD und Grüne zuvor mit Kommunisten sprechen könnten, wie sie glauben machen wollen. Vielmehr könnte es für sie innerparteilich unbequem werden. Denn bei einer Ampelkoalition würden Erinnerungen an frühere Zeiten wach. Die Renaissance der sozialliberalen Anschauungen, die man in Kiel zurückließ, wäre greifbar. Die Öffentlichkeit könnte eine FDP zu Gesicht bekommen, wie sie in den letzten Jahrzehnten selten in Erscheinung trat. Und das wäre nicht nur für die Pinkwarts und Westerwelles gefährlich. Es könnte ein spürbares und dauerhaftes Gegengewicht setzen zu jenen, die unter dem Attribut „bürgerlich“ allein ein Steuersenkungsversprechen verstehen.